Jetzt wird es richtig heiss! Doch die Freude vieler Schweizerinnen und Schweizer an der Badi- und Glace-Saison teilen nicht alle. Dazu gehören die rund 25'000 Büezer, die unter der sengenden Sonne auf und neben der Strasse arbeiten. Denn während unsereins im Sommer einfach kurze Hosen trägt und die Beine hoffentlich fleissig mit Sonnencreme einschmiert, dürfen sie das nicht.

Jedenfalls, wenn es nach dem Schweizerischen Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) geht. Dessen Norm schreibt vor, dass Bauarbeiter im Strassenbereich immer lange Hosen tragen müssen, damit sie von vorbeifahrenden Fahrzeugen gesehen werden.

Auf den Strassenbaustellen ist also Schwitzen angesagt. Dem Schweizer Baumeisterverband (SBV) passt das nicht. Er wehrt sich für seine Angestellten. «Die Bauarbeiter sollen Eigenverantwortung übernehmen können, was sie zum Schaffen tragen», fordert SBV-Direktor Benedikt Koch (46).

Zurzeit müssen auf Baustellen in Strassennähe immer lange Hosen getragen werden. Auch im Sommer, auch wenn das Thermometer 35 Grad im Schatten zeigt.   (Keystone)
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Benedikt Koch, dem Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbandes, will das ändern. Die langen Hosen seien oft ein unnötiges Risiko.   (Markus Senn)
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Unterstützt wird er dabei von Felix Weber, CEO der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt Suva. Beide argumentieren, die Hosen könnten der Hitze wegen zu Gesundheitsproblemen führen.   (CHRISTIAN BEUTLER)
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Sie wollen daher, dass die entsprechende Regelung geändert wird und Bauarbeiter neu auf Strassen, auf denen es die Sicherheit zulässt, auch kurze Hosen tragen dürfen.   (STEFANO SCHROETER)
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Auch Nico Lutz, Leiter Sektor Bau und Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia, kann sich mit dem Vorschlag anfreunden. Das Problem liegt seiner Meinung nach aber ganz woanders.   (Manu Friederich)
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Solche Hosen sollen im Sommer in Zukunft getragen werden dürfen, geht es nach den Baumeistern und der Suva.   (Zvg)
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Alternativ kann heute schon dieses Sommermodell getragen werden. Aufgrund des hohen Polyester-Anteils fangen diese aber schneller Feuer.   (Zvg)
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Roman Kuster (31), Polier in Jona SG: «Die Vorschrift bringt dem Arbeiter nichts, ausser Probleme mit der Gesundheit. Wer diese Gesetze schreibt, soll mal einen Monat zu uns auf die Baustelle – in langen Hosen!»   (Beat Michel)
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Nanad Popovic (41), Sicherheitsbeauftragter Gas- und Wasserversorgung Werke Zürichsee: «Wir versuchen, auf Baustellen lange Hosen durchzusetzen. Wenn es richtig heiss ist, lassen wir aber bei Kontrollen den gesunden Menschenverstand walten.»   (Beat Michel)
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Alois Mächler (57), Polier in Jona SG: «Die Vorschrift ist unverhältnismässig. Ich hatte in 30 Jahren Strassenbau mit kurzen Hosen nie ein Problem. Bei der Hitze in langen Hosen kann man sich schon ab Mittag fast nicht mehr konzentrieren.»   (Beat Michel)
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Jan Stefan (46), Polier in StallikonZH: «Die Schutzstufe-3-Hosen sind bei über 25 Grad sehr unangenehm. Die Luft kann nicht zirkulieren, der Körper hat viel zu wenig Fläche, damit der Schweiss verdunsten kann.»   (Beat Michel)
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Baumeister Hand in Hand mit der Unfallversicherung

Dafür hat Koch einen überraschenden Partner gefunden: Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva). Die nämlich sagt, die langen Hosen seien teilweise mehr Risiko als Schutz. Denn bei extremen Temperaturen und starkem Sonnenschein könnten «lange Hosen, vor allem, wenn sie eng an der Haut anliegen, zu Gefässerweiterungen und zu Kreislaufproblemen führen».

Arbeiter würden daher im Sommer zu leichten Versionen greifen. Was im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich ist, wie die Suva warnt. Denn diese Hosen hätten einen viel höheren Anteil an synthetischen Fasern, «was dazu führt, dass sie leichter brennbar sind».

Auch wenn lange Hosen besser vor Unfällen und anderen Risiken schützen: Bei bestimmten Arbeiten habe die Brennbarkeit Vorrang. «Der Unternehmer muss die Möglichkeit haben, hier selbst abwägen zu können», findet die Versicherung. Doch das kann er wegen der VSS-Vorschriften nicht.

Die Handhabe der EU als Vorbild

Baumeister und Suva fordern daher in einem gemeinsamen Brief an den VSS, dass die Schweiz der EU folgt. Dort dürfen Bauarbeiter in der Nähe von Strassen, auf denen maximal 60 km/h gefahren wird, die langen Hosen gegen kurze tauschen.

Der VSS bestätigt den Erhalt des Antrags und will am 5. Juli antworten. Das ärgert SBV-Koch: «Wir fordern die Anpassung der Norm seit rund drei Jahren. Da habe ich gar kein Verständnis, dass der VSS jetzt nochmals die Sommermonate verstreichen lassen will, bevor er sich dem Thema widmet», poltert er. Die Branche brauche jetzt eine Lösung. «Wenn man den Bauarbeitern erst im Herbst sagt, dass sie mit kurzen Hosen zur Arbeit kommen dürfen, nützt das herzlich wenig.»

VSS-Direktor Christian Schärer (59) weist die Vorwürfe entschieden zurück: «Fakt ist, dass es der Baumeisterverband während der Erarbeitung der Norm mehrmals verpasst hat, uns seine geschätzte Meinung zukommen zu lassen.» Weder seien die Baumeister zu den Sitzungen gekommen, noch hätten sie sich in der Vernehmlassung geäussert.

Die Chancen stehen schlecht

Den Antrag will man prüfen, doch das Resultat ist vorhersehbar: «Der VSS will keine Norm herausgeben, die eine Gesundheitsgefahr beinhalten könnte», so Schärer.

Die Arbeiter müssen also weiterschwitzen. Dabei ist selbst die Gewerkschaft für mehr Beinfreiheit, wie Nico Lutz (48), Sektorleiter Bau der Gewerkschaft Unia, sagt. Lange Hosen seien nur sinnvoll, wenn sie die Risiken wirklich auch erfordern. Allerdings: «Wenn man Arbeiten ausführt, bei denen die langen Hosen Feuer fangen können, ist es wahrscheinlich nicht sehr schlau, einfach kurze Hosen anzuziehen. Denn dann verbrennt man sich auch die Beine.»

Doch die Hosenlänge sei ohnehin nur ein Scheingefecht. Wichtiger sei, die Arbeit im Sommer besser zu organisieren. Das heisst, die Arbeitszeiten in die Morgenstunden zu verlegen und für Schatten, Wasser und Pausen zu sorgen. «Wenn man bei 35 Grad im Schatten nicht mehr mit langen Hosen arbeiten kann, sollte die Arbeit zum Schutz der Arbeiter grundsätzlich niedergelegt werden», so Lutz. Das fordere die Unia jedes Jahr, doch der Baumeisterverband stelle sich immer quer.

Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) setzt sich für kurze Hosen auf Baustellen ein. Oder auch nicht. Erst kürzlich lancierte sie die Bau-Kampagne «Bist Du ein Sunnyboy?» und warb für lange Hosen als Schutz vor Hautkrebs. «Ich bin ziemlich irritiert, wieso die Suva jetzt den Baumeisterverband bei der Forderung nach kurzen Hosen unterstützt», so Christian Schärer, Direktor des Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute. «Für mich ist das ein Widerspruch.»

Selbst der Baumeisterverband ist irritiert: «In der Position der Suva besteht tatsächlich ein gewisser Widerspruch», so Direktor Benedikt Koch. Einerseits unterstütze sie den Antrag für kurze Hosen. In anderen Fällen empfiehlt sie ausschliesslich lange Hosen und Textilschutz.

Diesen Vorwurf lässt die Suva nicht gelten. Sie erklärt, sie spreche sich nicht primär für das Tragen von kurzen Hosen aus: «Wir unterstützen das Tragen von Kleidern, mit welchen allen Aspekten der Arbeitssicherheit Rechnung getragen wird.» Hautkrebs beispielsweise zeige sich vor allem im Gesicht, Nase, Ohren, Augenlider, Nacken. Aber praktisch nie im Beinbereich. «Zudem sprechen wir bei kurzen Hosen von Hosenbeinen, die bis in den Kniebereich reichen.»