Über Monate hatte die Hitze die Schweiz im Griff. Ab morgen ist damit Schluss. Eine Kaltwetterfront zieht übers Land. Die Temperaturen sinken. Die Hitzewelle wird Schnee von gestern sein. Zeit, Hitzebilanz zu ziehen.

«Wir schauen auf einen extrem heissen Sommer zurück, einen der wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen», sagt Klimaforscher Thomas Stocker zu BLICK. Mit 36,2 Grad wurde am 5. August in Sitten der wärmste Tag des Jahres verzeichnet.

Im Vergleich zum Rekordsommer 2003 (41,5 Grad in Grono GR) wurde der Hitzerekord zwar nicht übertroffen. Trotzdem stellte der Sommer 2018 einen neuen Rekord auf: Er ist der trockenste aller Zeiten. Im Juni, Juli und August fielen total nur 142,8 Liter Regen pro Quadratmeter. Selbst 2003 waren es 260,1. Zum Vergleich: Der Normwert liegt bei 333. Entsprechend hoch auch die Waldbrandgefahr. Noch immer gilt in 20 Kantonen absolutes Feuerverbot.

Und der Hitzesommer wird keine Ausnahme bleiben. «Innerhalb von 15 Jahren hatten wir vier Mega-Ereignisse. Der Sommer 2003 war ein 500-Jahr-Ereignis – der mit Abstand heisseste. Auch die Sommer 2015 und 2017 waren sehr heiss», sagt Stocker.

Durch die starke Hitze und den ausfallenden Regen trockneten viele Felder aus.  (Keystone / URS FLUEELER)

Seine Prognose ist eindeutig: «Solche heissen Sommer wird es künftig noch vermehrt geben.» Durchweg besorgniserregend: «Die Gletscher – das Markenzeichen der Schweiz – gehen rasant zurück, ein eigentlicher Kollaps. Die Schweiz droht ihr Gesicht zu verlieren», sagt Stocker. Und wird auch in Zukunft auf die Belastungsprobe gestellt. Die Landwirtschaft kam dieses Jahr an ihre Grenzen, musste mit der Dürre kämpfen. Bauern mussten ihre Kühe notschlachten, während sich Insekten – unter ihnen auch Schädlinge – explosionsartig vermehrten. Während im Rhein ein Fischsterben seinen Lauf nahm und auch die Schifffahrt mangels Wasser teils eingestellt werden musste, haben Bergbahnen einen regen Zulauf verzeichnet.

«Endlich ein Sommer, den ich geniessen konnte»
Leonard Wehrli, Social Media Manager.  

Normalerweise bin ich gar kein Sonnenanbeter. Ich mag zwar die Wärme und die Badis, aber hasse es abgrundtief zu schwitzen. Dieser Sommer war anders als frühere. Nicht nur, weil er heisser war. Er war auch trockener. Was für die Felder und Flüsse nicht gesund war, versüsste mir persönlich meinen Sommer ungemein. Denn endlich konnte man raus, ohne gleich literweise zu schwitzen!

So wurde ich plötzlich vom Sommer-Muffel zum Sommer-Liebhaber. Alle Badis in der Stadt Zürich habe ich ausgiebig getestet. Aber auch in Saint-Prex VD und in Hombrechtikon ZH besuchte ich Badis. So gab es für mich mehr Feierabendbiere am See als je zuvor.

Jetzt verstehe ich, wovon Sommer-Fans stets geschwärmt haben. Sommer ist die Zeit, in der immer etwas los ist. In der alle das Leben etwas lockerer nehmen. In der man sich draussen einfach so trifft, auch wenn man es eigentlich nicht vorhatte. Ob ich den nächsten Sommer genauso geniessen kann, auch wenn er wieder feuchter wird? Ich werde ihm definitiv eine Chance geben!

Nur die Winzer jubeln

Viehbauern und Milchbauern: Sie traf die Dürre besonders hart. Wegen der Hitze mussten Kühe notgeschlachtet werden. Der Grund: akuter Futtermangel. Das Gras auf den Weiden wuchs nicht mehr. Teils mussten Bauern Futter zukaufen. Finanzielle Einbussen, denen Bauern durch Notschlachtungen entgegenwirkten. Durch den Überfluss an Fleisch sank der Preis pro Kilo Schlachtgewicht innerhalb eines Monats um über einen Franken auf 7.40 Franken. «Ich befürchte, dass der Sommer 2018 die Bauern teurer zu stehen kommt als der Rekordsommer 2003», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, zu BLICK. Grund: 2003 war es lange feucht und nass, bevor es im Juni heiss wurde. Dieses Jahr begann die Trockenphase bereits Anfang April.

Obstbauern: «Für die Obstbauern war 2018 ein überdurchschnittlich gutes Jahr», sagt Georg Bregy, Direktor des Schweizer Obstverbands. Der Wassermangel sei zwar ein Mehraufwand gewesen, der sich aber mit Blick auf die Qualität bezahlt mache. 250'000 Tonnen Äpfel wurden geerntet. Bei den Kirschen sind es 2500 Tonnen – gut 70 Prozent mehr als 2017.

Obstbauern freuen sich über den Sommer 2018.  (Keystone / GIAN EHRENZELLER)

Winzer: «Folgt auf die trockenen und heissen Sommermonate auch noch ein milder Frühherbst, könnte sich ein sehr vielversprechender Jahrgang entwickeln», sagt Michael Gölles, Leiter Forschungsgruppe Weinbau von Agroscope in Wädenswil ZH. Aufgrund der heissen Temperaturen steigt der Zuckergehalt der Trauben und verstärkt so ihr Aroma. Beste Voraussetzungen für einen Jahrhundertwein.

Fische litten am meisten

Fische: Die enorme Wärme war bei Bächen, Flüssen und Seen gravierend. Die Verlierer in der Tierwelt sind die Fische. «Die Hitze war für den Fischbestand am Rhein eine Katastrophe», sagt Philipp Sicher, Geschäftsführer des Schweizerischen Fischerei-Verbandes (SFV). Anfang August war der Rhein in Schaffhausen 27,6 Grad warm. Wärmer als 2003 (27 Grad). Mehrere 10'000 Fische verendeten qualvoll.

Wespen: Was für eine Plage! Das trockene, warme Wetter hat die Population massiv begünstigt. «Wir haben in diesem Jahr mehr als doppelt so viele Meldungen wegen Nestern wie 2017», sagt Marcus Schmidt, Berater bei der Schädlingsprävention der Stadt Zürich. So viele Meldungen gabs in den letzten 15 Jahren noch nie. Ausgerechnet diesen Sommer hatte das Notfall-Medikament für Allergiker Lieferengpässe.

Der heisse Sommer sorgte für eine Wespenplage.  (Keystone / Melanie Duchene)

Kartoffelkäfer: Vor allem das Mittelland litt auch noch unter einer Kartoffelkäfer-Plage. «2018 ist der Käferdruck sehr hoch, dies vor allem in den grossen Anbaukantonen Aargau, Bern und Zürich», sagt Thomas Hufschmid vom Aargauer Amt für Landwirtschaft.

«Der Winter soll kommen!»
Marco Lüssi, Blattmacher Digital.  

Die Qual hat heute ein Ende. Monatelang wars zu heiss, um nach draussen zu gehen. Und drinnen zu bleiben, brachte auch nichts. Jedenfalls nicht in unserer Dachwohnung: 28 Grad wars da an einem gewöhnlichen Hitzetag. Das war nicht gut fürs Familienklima. Natürlich wollten meine Kinder nie ins Bett: Es sei zu heiss zum Schlafen, behaupteten sie regelmässig bis Mitternacht. Und sie hatten nicht einmal unrecht.

Am Tag wollten sie in die Badi. Jeden Tag. Das bedeutete wieder jede Menge Ärger. Es begann beim Sonnenschutz: Ein Kind einzucremen, ist ein epischer Kampf. Der setzt sich dann beim Anziehen der Flügeli fort. Und dann wollen sie eine Glace. Es folgt Schlangenstehen am Badi-Kiosk, eingezwängt zwischen schwitzenden Fremden mit seltsamen Tattoos.

Immerhin, wenigstens konnte ich der Hitze zeitweise entfliehen: Zwei Wochen der Sommerferien verbrachten wir in den Alpen. Auf 1400 Metern über Meer wars nie wärmer als 25 Grad. Als ich den Kollegen im 35 Grad heissen Zürich davon erzählte, wurden alle blass vor Neid. Sofern ihr Sonnenbrand dies zuliess.  Noch lieber fahre ich aber in die Berge, um Ski zu fahren. Die Badis sollen dicht machen, der Winter soll kommen!

Mehr Unfälle, mehr Touristen

Rega: 3200 Einsätze zwischen Mai und August: Noch nie musste die Rega so oft wie in diesem Jahr ausrücken, bestätigt Rega-Sprecher Harald Schreiber. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 2500 Einsätze. Diesen Sommer wurden rund 1400 Einsätze wegen medizinischer Notfälle wie Herz-Kreislauf-Probleme, Schlaganfälle und Allergien geflogen. Infolge von Freizeitunfällen musste die Rega 500, wegen Bergunfällen 330 Einsätze fliegen.

Noch nie musste die Rega so oft wie in diesem Jahr ausrücken.  (Rega / Christian D. Keller (c) Airbus H)

Bergbahnen, Schifffahrt und öffentlicher Verkehr: Die Hitze hat ihre Kassen gefüllt. Der Verband Seilbahnen Schweiz verzeichnete in der Sommersaison 14 Prozent mehr Fahrgäste als im Vorjahr. Die Umsätze stiegen um neun Prozent. Die Rhätische Bahn vermeldet mehr als fünf Prozent Zuwachs. Den SBB machte die Hitze zu schaffen. Dutzende Gleise verformten sich, Streckenabschnitte mussten gesperrt werden.

Auch bei den Schifffahrtsgesellschaften sorgte die Hitze für Unterbrüche. Wegen zu tiefen Wasserstands musste der Rhein für Verkehrsschiffe zwischen Stein am Rhein SH und Diessenhofen TG gesperrt werden. Die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees verkaufte rund vier Prozent mehr Billette als im Vorjahr, auf dem Hallwilersee waren es zehn Prozent mehr.

Badis feiern Rekorde

Glace-Verkauf: Der Verkauf von Eis am Stiel boomte im Detailhandel. So etwa beim Kiosk-Konzern Valora, wie ein Sprecher sagt: «Wir haben in diesem Sommer einen überdurchschnittlich hohen Glace-Verkauf verzeichnet.» Grösser als im Vorjahr war die Nachfrage auch bei Lidl und Denner. Letzterer notiert bei den Verkäufen ein Plus im «einstelligen Prozentbereich». Einstellig wuchs auch bei der Migros der Glace-Absatz. Auch Coop liegt «deutlich über Vorjahr». Gut 6,5 Liter Glace jährlich pro Kopf beträgt der Konsum in der Schweiz. 

Viele versuchten sich beim Baden abzukühlen. Hier im Bild der Zürichsee.  (Keystone / WALTER BIERI)

Badeanstalten: Je heisser die Temperaturen, desto grösser die Lust auf eine Abkühlung. Die Stadtzürcher Badeanlagen haben im August erstmals die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Der Besucherrekord aus dem Jahr 2015 mit 1,83 Millionen Eintritten wird weit übertroffen. Anders hingegen in Bern: Im August wurde die Millionen-Marke überschritten, doch die 1,5 Millionen Eintritte von 2015 dürften nicht zu toppen sein. Ähnlich auch die Situation in Basel-Stadt: Mit 376'200 Badi-Eintritten deutlich unter 2015 (400'700).

1 / 3
2 / 3
3 / 3