Der schwule Callboy Francesco Mangiacapra (30) hat dem Vatikan ein Dossier von 1200 Nacktfotos und Chatverläufen zukommen lassen. Es handelt sich um die Kommunikation mit 40 Geistlichen aus ganz Italien – sie waren seine Kunden (BLICK berichtete). Mangiacapra erzählt im BLICK-Interview von den Hintergründen und den Auswirkungen seiner Aktion.

BLICK: Warum haben Sie die Priester geoutet?
Francesco Mangiacapra: Ich habe das Dossier veröffentlicht, weil ich die Spreu vom Weizen trennen wollte. Nicht, um die Kirche in den Schlamm zu ziehen, sondern um diejenigen zu beseitigen, die der Kirche schaden.

Welches ist die schockierendste Geschichte?
Der berüchtigtste unter allen Geistlichen ist zweifellos Don Luca Morini: Escorts, Kokain und ungezügelter Luxus. Bezahlt mit dem Geld der Gläubigen. Dank meiner Enthüllungen wurde er nun in den Laienstand versetzt.

Woher kommt denn das ganze Geld?
Mehrmals habe ich mich nach der Herkunft der Gelder erkundigt, mit denen die Priester sich mit mir amüsierten. Stammen sie aus ihrem persönlichen und familiären Vermögen? Oder kommen sie aus den Gaben der Gläubigen? In allen Fällen ist es Geld, das in meinen Händen mehr Würde behält als in den Taschen eines bösartigen Priesters.

In welchem Verhältnis stehen diese Priester zur Kirche?
Ihr Verhalten ist in vielen Fällen die Frucht der Straflosigkeit, an die die Kirchenführer sie gewöhnt haben. In meinem Buch, und jetzt mit diesem Dossier, habe ich gezeigt, dass es eine echte Gruppierung schwuler Priester gibt. Sie besuchen sich gegenseitig, sie kennen sich alle, sie unterstützen sich gegenseitig.

Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen?
Einmal nahm mich ein Priester mit in eine Sakristei, die hinter dem Altar in der Kirche geschnitzt war, und küsste mich leidenschaftlich. Ich hielt diese Geste für komplett respektlos. «Stört es dich nicht, mich in der Kirche zu küssen?», fragte ich. Seine Antwort: «Nein. Es stört mich nicht. Weil Jesus weiss, wie sehr ich ihn liebe.»

Einer der Priester wurde wegen Kindesmissbrauchs unter Hausarrest gestellt. Die Kirche behauptet aber, keiner der Priester sei Kinderschänder gewesen. Was stimmt nun?
Ein einziges Wort reicht für die Kirche aus, um ihre Priester von der Sünde zu befreien. So reicht vielleicht auch nur ein einziges Wort, um ihre Pädophilie zu heilen ...

Haben Sie Angst vor rachsüchtigen Priestern?
Ich habe bereits einen anonymen Drohbrief erhalten. Damit machen sie mir keine Angst. Rache ist eigentlich kein Gefühl, das ein Priester empfinden sollte. Trotzdem bin ich sicher, dass die Geistlichen meine Aktion nutzen werden, um über ihr Verhalten nachzudenken. Schliesslich ist die Wahrheit wichtiger als alles andere. Und um mich zum Schweigen zu bringen, müssten sie mich umbringen.

Sie haben das Dossier dem Kurienkardinal in Neapel gegeben. Wie hat er reagiert?
Ich bin enttäuscht. Kardinal Sepe antwortete, dass die von mir angeprangerten Priester nicht zu seiner örtlichen Zuständigkeit gehörten. Dann leitete er das Dossier an den Vatikan weiter. Als ob das eigentliche Problem die örtliche Zuständigkeit und nicht die Moral wäre! Wahrscheinlich wird keiner der Priester, über die ich berichtet habe, Disziplinarmassnahmen erleiden. Allenfalls wird es in den auffälligsten Fällen, wie bei Morini, Versetzungen geben.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu den Männern?
Ja. Einer von ihnen hatte sogar den Mut, das Buch mitzubringen, das ich geschrieben habe, um es unterschreiben zu lassen.