Samstagmorgen, Toggenburgerhof in Kirchberg SG. Walter Sonderer und Adis Tairi sehen sich zum ersten Mal. Im normalen Leben hätten sich ihre Wege wohl kaum gekreuzt. Zu unterschiedlich sind ihre Welten, in denen sie sich bewegen.

Da Walter Sonderer: 65-jährig, Innerrhödler. Zweifacher Grossvater. Pensioniert, ehemaliger Verlagsleiter und Verleger, der gestern Abend noch am Openair Wildhaus mit Stargast Beatrice Egli war.

Und hier Adis Tairi: 29-jährig. Als Albaner in Mazedonien geboren, in der Schweiz aufgewachsen. Besitzt den mazedonischen und den Schweizer Pass. Verheiratet. Arbeitet als Berufsbildner für Pflegeberufe und unterrichtet an einer Schule unterschiedliche Medizinfächer.

Die zwei sind im folgenden Gespräch zwar selten einer Meinung, verstehen sich aber trotzdem auf Anhieb.

Herr Tairi, was dachten Sie, als Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri den Doppeladler machten?
Adis Tairi:
Ich war überrascht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe mich gefreut, fand aber gleichzeitig, dass es nicht ganz passend war.

Was war Ihre erste Reaktion, Herr Sonderer?
Sonderer:
Ein absolutes No-Go, eine Provokation. Ein Spieler der Schweizer Nationalmannschaft darf so etwas nicht machen.
Tairi: Die entscheidende Frage ist doch die: Weshalb haben sie das gemacht?
Sonderer: Das war eindeutig eine politische Aussage der beiden. Und die hat im Fussball nichts zu suchen. Shaqiri und Xhaka haben unsere Nati benutzt, um für ihre eigenen, nationalistischen Interessen zu kämpfen.
Tairi: Wir müssen genauer hinschauen. Das war keine politische Aktion. Unsere Generation, zu der ich auch Shaqiri und Xhaka zähle, ist mit schlimmen Nachrichten aufgewachsen. Mit Nachrichten, wie es im Balkan, der Heimat unserer Eltern, Krieg gab. Gleichzeitig lebten wir in der Schweiz und haben uns hier integriert.

Adis Tairi (l.) und Walter Sonderer (r.) im Streitgespräch.  (Christian Merz)

Sie sprechen die zwei Herzen in der Brust an.
Tairi:
Ja, an der EM 2016 war ich beim Spiel zwischen der Schweiz und Albanien. Bis zum Eintritt ins Stadion wusste ich nicht, für wen ich bin. Ich konnte es einfach nicht sagen. Die Emotionen im Spiel haben dann gezeigt, dass ich für Albanien bin. Und Emotionen kann man einfach nicht steuern.

Waren es demnach bei Xhaka und Shaqiri auch einfach nur die Emotionen?
Sonderer:
Als Profi-Fussballer muss man die im Griff haben. Und das ist auch die Aufgabe des Trainers. Er hätte vor dem Serbien-Spiel sagen müssen: Jungs, wir spielen für die Nati, die Politik gehört nicht dazu. Was Adis sagt, kann ich aber nachvollziehen: Sie spielen zwar für die Nati, haben aber zwei Herzen in ihrer Brust.
Tairi: Wenn man das versteht, ist schon vieles gut.

Auch Lichtsteiner hat noch den Doppeladler gemacht.
Sonderer: Das war aus Solidarität. Dass er als Captain das mitgemacht hat, finde ich gut.
Tairi: Stell dir vor, die ganze Mannschaft hätte den Doppeladler gemacht. Du hättest wahrscheinlich einen Herzinfarkt gehabt (beide lachen).

Die SVP-Nationalrätin Nathalie Rickli hat anschliessend getwittert: «Die beiden Goals sind nicht für die Schweiz gefallen, sondern für den Kosovo.»
Sonderer: Das war überflüssig...
Tairi: ...und auch noch falsch. Der Doppeladler ist nicht ein Symbol für den Kosovo, sondern ein albanisches.
Sonderer: Mich hat aber vor allem noch etwas anderes gestört.

Was?
Sonderer: Wie danach damit umgegangen wurde. Ich als Schweizerischer Fussballverband hätte Xhaka und Shaqiri wegen des Doppeladlers für ein Spiel gesperrt.
Tairi: Dann hätte man Lichtsteiner aber auch sperren müssen.
Sonderer: Da gebe ich dir recht. Man hätte die drei sperren müssen. Das wäre der richtige, mutige Entscheid gewesen, weil politische Statements im Fussball nichts zu suchen haben.
Tairi: Nochmals, das war keine politische Aktion. Das entstand aus den Emotionen raus, denn mit dem Doppeladler haben sie doch politisch nichts erreicht.

Warum haben sie dann anschliessend auf Facebook geschrieben «We did it, bro»?
Tairi: Meine Vermutung: Die haben gemerkt, dass es bei den Albanern gut ankam. Die haben das einfach genossen. Selbst der Premierminister von Albanien hatte Freude. Das hat Shaqiri und Xhaka gefallen und sie bestimmt auch ein bisschen Stolz gemacht.
Sonderer: Das wahre Problem kam danach. Im Schweden-Spiel. Auf einmal gab es von Shaqiri und Xhaka keine Emotionen mehr zu sehen. Selbst Trainer Petkovic hat gesagt, dass diese gefehlt hätten.

«Als Profi-Fussballer muss man die im Griff haben. Und das ist auch die Aufgabe des Trainers», findet Sonderer.  (Christian Merz)

Ihr Verdacht, Herr Sonderer?
Sonderer:
Gegen Serbien haben sie alles gegeben. Als man aber nur noch für die Schweizer Nati hätte kämpfen müssen, hatten sie keine Emotionen mehr. Und wenn man in einem WM-Achtelfinal keine Emotionen hat, ist man fehl am Platz.
Tairi: Gegen Brasilien gab es aber Emotionen. Wie erklärst du dir denn das, Walter?
Sonderer: Brasilien war doch ein ganz anderes Kaliber. Da wollten sie sich profilieren.

2015 sprach Stefan Lichtsteiner von «richtigen Schweizern» und «anderen Schweizern». Wünschen Sie sich, Herr Sonderer, mehr «richtige Schweizer» in der Nati?
Sonderer: Das ist nicht das Hauptproblem. Ich weiss, dass es nie mehr so wie früher sein wird. Die Welt hat sich verändert, die Schweiz ist ein Migrationsland. Diese Durchmischung tut gut.

Aber?
Sonderer: Es kann trotzdem so nicht weitergehen. Ich finde den Vorschlag, den der SFV jetzt gemacht hat, sehr gut.

SFV-Generalsekretär Alex Miescher schlägt vor, dass sich zukünftig Doppelbürger entscheiden müssten. Nur wer den zweiten Pass abgibt und nur noch den Schweizer behält, soll noch für unsere Nati spielen dürfen.
Sonderer: Genau, keine Doppelbürger mehr in unserer Nati! Schliesslich bieten wir den jungen Spielern eine Top-Ausbildung, die ja sackteuer ist.
Tairi: Bei den Deutschen hat Mesut Özil auch keinen türkischen Pass mehr. Trotzdem posiert er mit Erdogan. Du kannst Shaqiri und Co zwar den Pass wegnehmen, in ihrem Herzen aber werden sie weiterhin auch für den Kosovo sein.
Sonderer: Für mich ist Behrami das positive Beispiel. Der gibt in jedem Match vollen Einsatz, auch gegen Schweden.
Tairi: Aber auch er ist ein Doppelbürger. Bei ihm schaut wohl einfach Lara Gut, dass er keinen Doppeladler macht (lacht).

Ein anderes, umstrittenes Thema ist das Singen bei der Hymne. Stört es Sie, dass Shaqiri und Co nicht singen?
Sonderer: Singen müssen sie nicht. Mich stört einfach, dass sie die rechte Hand nicht auf die linke Brust legen. Dort, wo das Schweizer Kreuz aufgedruckt ist. Das würde die Verbundenheit zur Schweiz zeigen.
Tairi: Wäre es dir denn lieber, sie würden das machen, auch wenn sie es nur spielen würden? So würden sie dich doch indirekt anleugnen.

Und wie sehr nerven Sie sich über die Kosovo-Flagge, die auf Shaqiris rechtem Schuh zu sehen ist?Sonderer: Auch hier müsste der Verband sagen: Das geht nicht, das gehört hier nicht drauf.
Tairi: Man muss doch auch ein bisschen Mitleid mit Shaqiri haben. Er spielt für die Schweizer Nati. Er hat die Kosovo-Flagge auf dem Schuh. Und er macht den albanischen Doppeladler. Er hat drei Nationalitäten in sich. Der weiss doch manchmal gar nicht richtig, wo er hingehört.

«Shaqiri weiss doch manchmal gar nicht, wo er hingehört», sagt Tairi.  (Christian Merz)

Herr Tairi, wenn wir über eine kleine Kosovo-Flagge auf dem Schuh diskutieren, denken Sie da manchmal: Was seid Ihr für Bünzlis?
Tairi:
Vielleicht habt Ihr einfach zu wenig Sorgen, damit Ihr euch über solche Themen Sorgen machen könnt. Der Schweiz geht es einfach sehr gut. Deshalb regt Ihr euch vielleicht über solche Kleinigkeiten auf.
Sonderer: Ich weiss, was du meinst. Trotzdem müsste der Verband auch bei solchen Kleinigkeiten einschreiten.
Tairi: Ich glaube, viele Diskussionen zwischen uns hängen damit zusammen, dass Ihr uns gar nicht richtig kennt.

Wie meinen Sie das?
Tairi: Wenn Ihr unsere Probleme kennen würdet, hättet Ihr sicher ein bisschen mehr Verständnis. Shaqiri hatte vielleicht Verwandte, die im Krieg gestorben sind. Walter, du müsstest vielleicht mal dort hin gehen. Wie leben diese Leute dort unten? Was denken sie? Um ein Problem zu lösen, hilft Transparenz. Shaqiri und Xhaka kamen nicht in die Schweiz, weil es hier einen schönen Strand hat. Es ging den Familien nicht gut. Sie schätzen es, dass sie in der Schweiz eine Chance erhalten haben. Und geben das jetzt sportlich zurück.

Spüren Sie, Herr Tairi, Rassismus in der Schweiz?
Tairi: So weit würde ich nicht gehen. Als ich früher oft mit Patienten zu tun gehabt habe, galt ich als gut integrierter Albaner, der seine Leistung bringt. Wenn ich aber einmal auf dem Trottoir Velo fuhr, war ich der Drecksausländer. Und wenn ich heute in Mazedonien bin, gelte ich auch als halber Ausländer. Ich fühle mich gelegentlich verloren, wie auf einer einsamen Insel. Ich glaube und hoffe, dass meine Kinder diese Probleme dereinst nicht mehr haben werden.

Nati-Trainer Vladimir Petkovic wäre da doch der perfekte Brückenbauer.
Sonderer: Als er 2014 anfing, kannte ich ihn kaum. Und ja, ich hatte Vorurteile, weil er vom Balkan kommt. Das gebe ich offen zu. Ich war dann positiv überrascht. Wie er die Mannschaft in den Griff bekam, war grossartig. Mittlerweile ist er mir zu balkanlastig. Ich hätte zum Beispiel Blerim Dzemaili im Schweden-Match nicht spielen lassen.

Glauben Sie, Dzemaili hat nur gespielt, weil er vom Balkan kommt?
Sonderer: Ich kann es zumindest nicht ausschliessen.
Tairi: Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Petkovic hatte ja nicht eine unendlich grosse Spielerauswahl.
Sonderer: Ich hätte im Schweden-Match zum Beispiel Gavranovic gebracht. Auch wenn er vom Balkan kommt und seine Name mit ic endet.
Tairi: Walter, das gefällt mir an dir. Mir ist es lieber, wenn du offen sagst, dass du zu Beginn Vorbehalte hattest, weil er vom Balkan kommt. Du stehst offen dazu, dass das für dich ein Problem ist.

Sonderer gesteht: «Ich hatte Vorurteile, weil er vom Balkan kommt. Das gebe ich offen zu.»  (Christian Merz)

Wie sehen Sie die Zukunft der Schweizer Nati?
Sonderer:
Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon ein bisschen Angst davor, dass es bald nur noch drei, vier echte Schweizer in der Nati gibt.

Im WM-Kader 2018 hatten 15 von 23 Migrationshintergrund.
Sonderer: Mit dieser Entwicklung habe ich schon ein Problem. Doch das ist halt ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Tairi: Lasst uns doch die Nati mal wie eine Firma anschauen. Der Fokus läge dann nicht darauf, woher ein Mitarbeiter kommt, sondern was er kann. Und die, die gut sind, dürfen sich ein bisschen mehr erlauben. So ist das einfach auch bei Shaqiri und Xhaka. Deshalb sollte man bei ihrem Doppeladler eine Auge zudrücken.

Das Thema «richtige» und «andere Schweizer» ist ein heikles. Ist in Ihren Augen Walter Sonderer ein Rassist?
Tairi: Nein, er vertritt einfach seine Meinung. Ich muss ihn einfach mal einladen für ein Wochenende in Albanien.

Was würde das ändern?
Tairi: Du kannst das Leben dort nicht beschreiben, du musst es fühlen und spüren. Eines verspreche ich dir: Du wirst es nicht bereuen und möchtest danach immer wieder dorthin. Wenn du das erlebst, verstehst du, warum man einen Doppeladler macht.
Sonderer: Ich überlege mir, dein Angebot anzunehmen, versprochen!