«Schweren Herzens und nach reichlicher Überlegung werde ich der jüngsten Ereignisse wegen nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit spüre.»

Mit diesen Worten verabschiedet sich Mesut Özil aus der deutschen Fussball-Nationalmannschaft.

«Wie der deutsche Fussballverband und andere mich behandelt haben, führt dazu, dass ich das deutsche Nationaltrikot nicht länger tragen möchte», erklärt der 29-Jährige seinen Entscheid.

Attacke gegen DFB-Boss Grindel

Es ist seine dritte von insgesamt drei Stellungnahmen, die Özil im Laufe des Sonntags auf Twitter publiziert. Und definitiv die härteste. So rechnet er unter anderem mit Verbandspräsident Reinhard Grindel (56) ab: «Ich werde nicht länger für seine Unfähigkeit, seinen Job zu machen, den Kopf hinhalten.»

«In den Augen Grindels und seiner Unterstützer bin ich nur Deutscher, wenn wir gewinnen», klagt der 29-Jährige an, «wenn wir verlieren, bin ich Immigrant.»

«Ich frage mich», so Özil, «wieso man trotz des Weltmeistertitels 2014, trotz des Zahlens deutscher Steuern, trotz des Finanzierens deutscher Bildungseinrichtungen und trotz der Ehrung mit dem «Bambi Award» 2010 für die beispielhafte Integration in die deutsche Gesellschaft noch immer anders behandelt wird».

«Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet», vergleicht der 92-fache Internationale (23 Tore), «wieso werde ich dann ständig Deutsch-Türke genannt?»

Auch andere deutsche Persönlichkeiten bekommen ihr Fett weg. So könne man Grindels Ansichten beispielsweise auch bei SPD-Politiker Bernd Holzhauer sehen, der ihn wegen des Fotos als «Ziegenfi****» bezeichnete. Oder etwa Theater-Chef Werner Steer, der sagte, Özil solle sich nach Anatolien «verpi****».

Özil bricht damit sein wochenlanges Schweigen in der Affäre um ein Foto mit dem türkischen Staatpräsidenten Recep Tayyip Erdogan (64), das er vor gut zwei Monaten in London knipsen liess.

Vor allem der Zeitpunkt des Bildes, nämlich während des türkischen Wahlkampfs, hatte hohe Wellen geschlagen, die in einer polemischen Diskussion um seine Personen mündeten.

Um diese Bild geht es: Özil (l.) mit dem türksichen Präsidenten Erdogan.

Keine Reue um Erdogan-Bild

«Mir ist klar, dass das Foto von mir und Erdogan in der deutschen Presse einen riesigen Aufschrei ausgelöst hat», schreibt der Deutsche mit türkischen Wurzeln in einer ersten Nachricht. «Auch wenn manche mich der Lüge und der Doppelzüngigkeit bezichtigen wollen, hatte dieses Foto keinerlei politische Absichten. Beim Foto mit Erdogan ging es darum, das höchste Amt des Landes meiner Familie zu respektieren.»

Özil weiter: «Ob es der türkische oder der deutsche Präsident gewesen wäre, meine Handlungen wären nicht anders gewesen.» Er verstehe jedoch, dass es schwierig sei, dies nachzuvollziehen.

Abrechnung mit Verband und Sponsoren

In einer zweiten Nachricht geht es den Medien und Sponsoren an den Kragen, die ihn aufgrund des Erdogan-Fotos kritisiert und sich von ihm abgewendet hatten. Auch am DFB lässt er kein gutes Haar.

Schliesslich habe der Verband nichts dagegen unternommen, dass ihn Mercedes-Benz im Zuge der Erdogan-Affäre aus einer WM-Werbe-Kampagne genommen hatte. Während der DFB von ihm eine öffentlich Erklärung für das Bild gefordert habe, hätte Mercedes für den Abgas-Skandal 2013 nicht gerade stehen müssen.

«Warum?», fragt der Mittelfeldspieler, «was hat der DFB zu all dem zu sagen?» Auch Lothar Matthäus hätte sich während der WM nicht für ein Foto mit Wladimir Putin rechtfertigen müssen.

«Rassistische Medien»

Nach dem Erdogan-Bild wurde Özil von der deutschen Medienlandschaft regelrecht durch den Dreck gezogen. Dies sei ausschliesslich auf seine Herkunft zurückzuführen, klagt der Weltmeister von 2014 an. Özil weiter: Einige Zeitungen würden seine Herkunft und das Foto missbrauchen, um rechte Propaganda im Sinne einer politischen Sache zu machen.

Er finde es enttäuschend, dass für das schlechte Abschneiden der deutschen Mannschaft an der WM (Vorrunden-Out als Gruppenletzter) nicht seine sportliche Leistung, nicht die Leistung der Mannschaft, sondern seine türkische Abstammung verantwortlich gemacht wurde.

Während der WM ist Özil stumm geblieben. Auch, als sich Ilkay Gündogan (27), der sich ebenfalls mit Erdogan ablichten liess, vor den Medien erklärte, hielt er sich zurück. Nach den WM-Ferien aber ist genug geschwiegen.

Er zieht so die Konsequenzen einer öffentlichen Tirade gegen seine Person – und für ein gescheitertes Krisenmanagement des DFB. (sih)